Stoffspielereien mit Designerstreifen

Es ist nunmehr offensichtlich, dass ich an meinem Zeitmanagement arbeiten sollte. Oder nur noch das machen, das sich auch zeitlich bewerkstelligen lässt. Aber wo bleibt denn da der Spaß, wenn ich nur noch arbeite, esse und schlafe? Eben. Also habe ich neben all den sozialen Aktivitäten wie Freunde treffen usw. endlich auch mal wieder ein bisschen genäht. Und buchstäblich auf die letzte Minute beschlossen, die Stoffspielereien im Juni mit dem spannenden Thema Modedesigner und Epochen doch nicht sausen zu lassen. Auch wenn ich mal wieder nur ein Work-in-Progress vorweisen kann. Und das endgültige Aussehen des Werkstücks noch in den Sternen steht. Aber vielleicht erstmal von vorne.

Modedesigner und Epochen. Ein weites Feld. Und so vielfältig. Schon allein die Entscheidung, ob Epoche, oder doch Modedesigner. Wenn letzteres, dann welche/r? Als ausgewiesener Jane Austen Fan trage ich mich natürlich seit Jahren mit dem Gedanken, mich mal an einem Empirekleid zu versuchen. Dafür möchte ich mir aber mehr Zeit nehmen. Außerdem wollte ich viel lieber etwas anderes ausprobieren.

Seit ich durch Constanze Derham von Texte & Textilien letztes Jahr die Modedesignerin Elizabeth Hawes kennengelernt hatte (bzw. eher von ihr gehört, denn sie ist 1971 gestorben) bin ich von etlichen ihrer Entwürfe fasziniert. Natürlich habe ich auch das von Constanze verlegte Buch „Zur Hölle mit der Mode“ gelesen, eine Übersetzung ihres Werkes „Fashion is Spinach“ von 1938. Übrigens nicht das einzige Buch von Elizabeth Hawes, allerdings soweit das einzige ins Deutsche übersetzte, in Summe wurden 9 Bücher von ihr verlegt. Dies und alles weitere Wissenswerte über ihr Leben ist im durchaus ausführlichen Wikipedia-Artikel zu Elizabeth Hawes zu lesen. Viel ausführlicher, als ich es hier sowieso nur mehr oder weniger abgeschrieben wiedergeben könnte. Widmen wir uns lieber ihren Entwürfen.

Einen recht guten Überblick über ihr Schaffen zeigt die Online Collection des Metropolitan Museum of Art New York. Die Ausstellung im vergangenen März in der Gallery des Fashion Institute of Technology war natürlich auch nicht machbar, mal eben schnell nach New York fliegen ist einfach nicht drin. Aber eines der im Ankündigungsartikel gezeigten Kleider hat mich sofort interessiert unf die Idee für die Stoffspielereien gebracht. Auch wenn ich mich dann letztendlich für einen anderen Entwurf entschieden habe. Denn gerade ihre Stoffspielereien mit Streifenstoffen faszinieren mich.

Quelle: Links + Mitte FIT, Rechts Seamwork
Das Kleid, das mich zunächst inspiriert hat, nochmal im Detail. Quelle: FIT (s.o.)

Das Vorderteil mit den diagonal zu Quadraten zusammenlaufenden Streifen wollte ich ausprobieren. Fast wäre das Ganze dann allerdings am Stoff gescheitert. Trotz gut gefülltem Stofflager fand sich kein Streifenstoff in Webware, geschweige denn wie er mir vorschwebte. Erst nach längerer Suche kam dann doch noch ein eingermaßen brauchbarer Streifenstoff zum Vorschein. Zu wenig für ein Kleid, aber ich wollte ja sowieso erstmal mit einem Oberteil experimentieren. Mit Stoffrücken statt der Bandträger. Aber soweit bin ich dann doch nicht gekommen.

Dass ein diagonal im 45 Grad Winkel zuschneiden nicht reicht, war mir von Anfang an klar. Schließlich ist auch das Original etwas dreidimensional an die weibliche Oberweite angepasst. Ich habe trotzdem erstmal Dreiecke mit 45 Grad zum Streifenverlauf zugeschnitten. Und das erste Stück vom Mittelpunkt aus der Schnittkante entlang zusammengenäht, dann aber ab einem imaginären Brustpunkt etwas verschwenkt.

So in etwas sah das dann aus. Die genähte Kurvenlinie ergibt die Dreidimensionalität.
Das Vorderteil, soweit ich gekommen bin.

Mehr gibt es noch nicht zu sehen. Die Schulter wird noch ein Thema werden. Im Original wird dieses Thema ja durch die Träger umgangen. Wenn ich wie geplant ein Rückenteil aus Stoff haben will, muss entweder ein Schulterkeil oder eine Ausschnittrundung her. Auch die Armlöcher werden dann überlegt werden müssen. Das Thema ist also noch nicht abgeschlossen. Und irgendwann wird es dann hoffentlich auch ein Kleid geben, denn auch die Streifenverarbeitung am Rockteil gefällt mir. Ich werde mich also weiterhin inspirieren lassen.

An den Körper gehalten wird klar, dass das Teil etwas weiter hinauf, Richtung Hals, gehört.

Für einen ersten schnellen Versuch ohne großartiges Schnitt konstruieren und einfach drauflos nähen bin ich recht zufrieden. Zu tun und zu optimieren ist trotzdem noch einiges. Aber ein Anfang ist gemacht. Und es wurde tatsächlich eine Stoffspielerei. Danke der heutigen Gastgeberin Tyche für das großartige Thema und für das Sammeln aller Beiträge zum monatlichen Thema Modedesigner und Epochen.

Die Stoffspielereien:

Mach mit, trau dich! Die Stoffspielereien sind offen für alle Blogger:innen, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu auf deinem Blog.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Unter https://stoffspielereien.net findet sich die Übersichtsseite mit allen weiteren wichtigen Informationen.

Die weiteren Stoffspielerei-Termine 2023:

12 Kommentare

  1. wenn man genau hinsieht sieht man auch bei der Nahtlinie unter der Brust dass ganz leicht eingereiht wird, was sicher auch noch für den passenden Sitz sorgt, nur gibt es dann natürlich kein perfektes weiterführend der Streifen.

    LG Sabine

    • Du hast natürlich recht. Ich habe das zwar gesehen, aber da ich erstmal ein Oberteil machen machen möchte und kein auf Taille angepasstes Kleid habe ich das zugunsten einer weiteren Saumlinie erstmal ignoriert. Bei einem Kleid mit dem annähernd rautenförmigen Mittelteil würde ich das auch raffen.
      Danke und liebe Grüße, heike

  2. So ein grafisches Modell ist ein toller Hingucker, aber auch viel Feinstarbeit. der Rock würde ja jetzt schon anders sein, weil du keinen Rombus gewählt hast, aber das kann man ja noch ändern. Bin gespannt, ob und wieweit du es schaffst.
    Viele Grüße, Karen

    • Der Stoff würde nicht für ein Kleid reichen, deshalb bewusst beim Erstversuch nur ein Oberteil. Hilft mir dann zwar bei einem Kleid auch nicht so ganz, weil ja eben rund um die Taille beim Kleid anders vorgegangen werden müsste. Ich bin schon froh, wenn sich die Streifen treffen und die Körperform des Oberteils einigermaßen passt. Und das Oberteil tatsächlich fertig wird 😉
      Liebe Grüße, heike

    • Dank Elizabeth Hawes habe ich den Zauber von Streifen wiederentdeckt. Die ja gerade bei Krümmungen nicht allzu einfach zu verarbeiten sind. Faszinierend ist, dass trotz Raffung das nicht exakt aufeinandertreffen der Streifen erst bei genauerem Hinsehen gewahr wird. Da merkt man dann die Könnerschaft der Designerin.
      Liebe Grüße, heike

  3. Ein interessantes Konstrukt bei dem sicher auch der Schrägschnitt für die Passform eine Rolle spielt und gleichzeitig optisch interessant wirkt.
    Vielleicht kann man sich der Form mit Abnäher-Rotation annähern auch wenn sich dann der Mittelpunkt verschieben wird.
    Die Linien hast Du schon mal perfekt getroffen. Es ist ein ehrgeiziges Projekt.
    LG Ute

    • Ich hoffe, es ist nicht zu ehrgeizig für mich. Schnittkonstruktion ist nämlich nicht gerade meine Parade-Disziplin. Andererseits will man sich ja weiterentwickeln, insofern passt das Projekt hier ganz gut.
      Liebe Grüße, heike

    • Die Ehre gebührt Constanze, ohne sie hätte ich die Streifenspielereien nie entdeckt. Feuer gefangen habe ich dann ganz alleine 😉 Diese Streifenverarbeitung ist aber auch großes Kino. Ich wollte da schon lange mal rumprobieren.
      Danke und liebe Grüße, heike

  4. Liebe Heike, das wird ein Experiment der ganz besonderen Klasse, ich finde Deine Herangehensweise sehr gut. Bei den vorgestellten Modellen von Elizabeth Hawes ist der Einfluss Mme. Vionnets deutlich zunsehen. Die Kräuselung unter der Brust wird eventuell einfacher zu gestalten sein wenn die Streifen nicht ganz so schmal sind. Ich entschuldige mich für den späten Kommentar, wir haben zur Zeit große Probleme mit dem Zugang zum internet. Danke fürs Mitmachen und Zeigen, herzliche Grüße vom Tyche

    • Liebe Tyche, das Thema gefiel mir richtig gut, brachte es mich doch dazu, mich endlich mal an die Streifenspielerei zu setzen und zu probieren. Danke dafür. Und bei der Kräuselung hast du sicher recht. Auch mit dem Schnittwinkel der Streifen kann man noch ein bisschen anpassen. Und der Einfluss von M. Vionnet wurde mehrmals erwähnt, der dürfte tatsächlich eine Rolle gespielt haben. Schön, dass sich da quasi Parallelen auftun.
      Liebe Grüße, heike

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