Der Januar ist wieder ein Monat, wo ich unter mehreren Spaziergängen aussuchen kann. Kommen doch an den freien Tagen um Weihnachten und Jahresende immer etliche Spaziergänge mit Familie und Freunden, in der alten und der neuen Heimat, zusammen. Für den Monatsspaziergang hier habe ich mich für die neue Heimat entschieden, getreu meinem Vorhaben, hier am Blog Spaziergänge in meiner Stadt oder mit textilem Konnex zu zeigen. Klappt nicht immer, aber doch meistens. Mindestens einen, wenn nicht gar zwei Spaziergänge in der alten Heimat werde ich für den Monatsspaziergang drüben am Unterwegs-Blog veröffentlichen. Passt auch, denn wir waren ja unterwegs.
Wie nun bereits seit mehreren Jahren kam mein Bruder mit einigen seiner Kinder an Neujahr für ein paar Tage zu Besuch. Wir waren an zwei Tagen zu Fuß in die und in der Innenstadt unterwegs und haben natürlich wieder einiges gesehen. Da wir jedoch meist den gleichen, schönen, Weg in die Innenstadt nehmen und natürlich auch unbedingt wieder auf den Schloßberg mussten (über die Stiegen, war ja klar), gab es das meiste hier am Blog bereits zu sehen. Da traf es sich gut, dass im Schlossbergstollen vom Karmeliterplatz zum Schlossbergplatz in einigen Nischen und Sackgassenstollen neuerdings Kunstinstallationen zu sehen sind. Kombiniert mit einigen Kunstinstallationen, die uns an den zwei Tagen die wir durch die Stadt spaziert sind noch so über den Weg gelaufen sind gibt es also nun einen eher künstlerischen Monatsspaziergang.
Nicht zum ersten Mal gibt es diese Kunst am Bau hier beim Monatsspaziergang zu sehen. Mein Bruder und die Nichten und Neffen hatten es allerdings noch nicht in echt gesehen. Ich selbst finde es immer wieder faszinierend und mache gerne ab und zu den kleinen Schwenker ins Unigelände, um es mir anzusehen. Auf der Unterseite einer 20x27m großen Auskragung, die im Zuge des Umbaus und der Aufstockung der Unibibliothek entstand, entwarf die Künstlerin Anna Artaker ein Sgraffito mit Bezug zu Bau, Buch und Perspektive.Anna Artaker, Perspectiva Practica. Auf der Webseite der Künstlerin (Quelle) steht dazu zu lesen: Es handelt sich um die Vergrößerung eines Kupferstichs aus dem gleichnamigen Perspektivelehrbuch, das Anfang des 17. Jahrhunderts gedruckt wurde und das Wissen seiner Zeit zur Konstruktion zentralperspektivischer Darstellungen zusammenfasst und illustriert. Damit verweist es auf den Wissensstand der historischen Epoche der Universitätsgründung Ende des 16. Jahrhunderts. Zudem wird die Zentralperspektive mit der Entfaltung der neuzeitlichen Naturwissenschaften in Zusammenhang gebracht, für die wiederum der Buchdruck entscheidend war. Die Verwendung einer Buchillustration – die durch die Vergrößerung ins Architektonische optisch einen zusätzlichen Raum schafft – ist ein konkreter Bezug auf das Medium Buch, das die Bibliothek archiviert und ihren NutzerInnen zugänglich macht.Fast noch Unigelände, ist die Mauer zum öffentlichen Attemsgarten mit mehreren Graffiti bemalt. Dieses ist eines davon.Direkt vor dem Paulustor befindet sich die eine Hälfte des zweigeteilten Denkmals für Oktavia Aigner-Rollett. Die andere Hälfte befindet sich nunmehr beim Hauptgebäude der Universität, zuvor war sie vor der nun abgebrochenen Vorklinik in der Harrachgasse aufgestellt. Dort also von wo wir gerade herkommen, am Denkmal sind wir allerdings nicht vorbei gegangen. Barbara Edlinger, Ehrenring, Denkmal für Oktavia Aigner-Rollett, 1997/2008/2022. Oktavia Aigner-Rollett (1877-1959) war die erste Frau, die in Graz eine Arztpraxis anmeldete und am Allgemeinen Krankenhaus, das sich zu der Zeit noch hier in der Paulustorgasse befand, arbeitete. Unbezahlt wohlgemerkt, und nur kurz, da sie 1907 ihre eigene Praxis eröffnete und bis 1952 führte. Der Innendurchmesser des Rings entspricht Aigner-Rolletts Körpergröße und die Neigung zur Erdoberfläche entspricht dem Sonneneinfallswinkel zu ihrer Geburtsstunde und zu ihrer Sterbestunde in Graz. Ursprünglich waren in der oberen Bruchstelle jeweils Monitore eingelassen, diese wurden inzwischen durch einen QR-Code ersetzt. Informationen zu Oktavia Aigner-Rollett findet man auch auf Wikipedia.
Der Bruder wollte zum Gut Schlossberg, um die reichhaltige Auswahl an lokalen Spezialitäten zu sichten. Es ist zwei Jahre her, dass wir mit ihm zuletzt dort waren, und die Dame hinter dem Tresen erinnerte sich noch an ihn und seine Expertise zu alten Apfel- und Birnensorten. Zum Ausgleich für den längeren Aufenthalt im Speziaitätengeschäft wurde dann dringend das Erklimmen des Schlossbergs gefordert. Wie gut, dass das Gut Schlossberg bereits ein paar Meter hügelan am Fuße des Schlossbergs liegt. Und der Fahr- und Fußweg sich von hier auf den Schloßberg schlängelt. Aber nicht doch, es muss unbedingt die Stiege sein. Die auf der gegenüberliegenden, der tiefer gelegenen flussseitigen Seite des Schlossbergs beginnt. Also sind wir erst ein paar Meter hügelan zum Eingang des durch den Berg führenden Fußgängerstollens gestiegen. Dieser führt bergab durch den Schlossberg hindurch bis zum etwa 32m tiefer gelegenen Schlossbergplatz. Wir sind also erstmal hinunter, um dann die Stiegen wieder hinaufzusteigen. Uffz. Hätten wir das nicht gemacht, hätten wir allerdings nicht bemerkt, das neuerdings in einigen Nischen und nicht weiter gebauten kurzen Stollenstücken Kunstinstallationen verortet sind.
Das Stollensystem im Grazer Schloßberg entstand ab 1943, bis 1945 wurden etwa 6,3 km Stollen mit 20 Eingängen von Zwangsarbeitern in den Berg geschlagen. Die Stollen dienten als Luftschutzsystem und boten offiziell 40.000 Menschen Schutz. In den 1960er Jahren wurde ein Teil für die heute noch existierende, jedoch modernisierte Märchengrottenbahn genutzt (Monatsspaziergang 12/2022). Es gibt ein (geschlossenes) Montan- und Werksbahnmuseum, den Veranstaltungsort „Dom im Berg“, einen Lift auf den Berg und eine Erlebnisrutsche. Und eben den Schlossbergtunnel.
Das Stollensystem wurde auch bereits des Öfteren für Kunstausstellungen genutzt. Nicht nur zum Kulturhauptstadtjahr 2003 als „Berg der Erinnerungen„, ich erinnere mich auch daran, als gerade frisch verliebt nach Graz Gezogene zusammen mit dem Besten um 1995 herum eine kleine Kunstinstallation im Schlossberg besucht zu haben. Im Fotoalbum klebt ein selbst ausgearbeitetes Schwarz-Weiß-Foto eines Pickel in einem Goldklumpen als Erinnerung an diese Ausstellung. Das Netz das nichts vergisst meint außerdem dass der Steirische Herbst 1984 eine „Architekturvision 1984“ genannte Ausstellung im Stollensystem hatte. Nur zu den jetzt vorgefundenen Kunstinstallationen, zu denen finde ich nichts. Vermutlich verwende ich nicht die richtigen Schlagwörter. Und die QR-Codes auf den beigestellten Infoschildern habe ich nicht leserlich fotografiert, überhaupt kam man wegen der Absperrungen kaum gut genug zum Lesen dran. Wenn denn Zeit zum Lesen gewesen wäre, denn meine Begleitmenschen waren weniger interessiert und warteten bereits draußen auf mich. Vielleicht hing auch irgendwo eine Infotafel zum Projekt, die ich nur nicht gesehen habe. Die im Tunnel gesehenen Kunstinstallationen gibt es deshalb nun ohne weitere Info.
Und zum Vergleich ein Stollen ohne Kunst 😉
Wo man weit genug dran kam, habe ich die Hand durch das Gitter gesteckt fürs Foto, deshalb sind einige mit und einige ohne Absperrung. Also nicht wundern, Absperrung war bei allen davor. Ist schließlich ein öffentlicher Tunnel, leider ist es notwendig alle Seitengänge abzusperren. Und auch Installationen jeglicher Art zu schützen.
Klitzekleine Augenzwinkerkunst, oder was zumindest ich dafür halte, im Fels der Schloßbergstiege.Auf dem Plateau vor dem Schloßbergmuseum befindet sich seit 1992 diese Edelstahlplatte. Mit Artsat handelt es sich um ein Kunstprojekt von Richard Kriesche, das im Rahmen von Austromir, dem ersten Weltraumflug eines Österreichers, durchgeführt wurde. Die Skulptur repräsentiert die in den Donauwalzer verschlüsselte Botschaft des Kosmonauten bei seinem Überflug Österreichs am 6.10.1991. Wie genau das vonstatten ging, gibt es unter diesem Link zu Artsat zu lesen.Wetterhäuschen am Hochplateau des Schloßbergs. Die runde Wetterstation mit Sgraffiti der 4 Elemente wurde 1955 errichtet und steht unter Denkmalschutz. Angaben zum Künstler der Sgraffiti werden in der Denkmalliste leider keine gemacht.Anderntags waren wir am Bauernmarkt am Kaiser-Josef-Platz, der direkt hinter der Grazer Oper liegt. Die Vorderseite ziert derzeit ein großer goldener Fuß. Im Inneren gibt es anscheinend noch andere Körperteile/Hände (Quelle), zusammen sollen sie auf die Tanzproduktion „La Divina Comedia“ einstimmen, die mit Dantes Göttlicher Komödie als Grundlage und mit Musik von Philip Glass und Arvo Pärt am 17.01.2026 Premerie hatte. Vielleicht ein Grund, endlich mal wieder in die Oper zu gehen.Das Lichtschwert neben der Oper ist ein Überbleibsel eines steirischen herbstes und habe ich schon mal gezeigt. Auf der Seite des steirischen herbstes ist dazu folgender Text zu finden: Hartmut Skerbisch errichtete im steirischen herbst 1992 vor der Grazer Oper das sogenannte „Lichtschwert“ – auch heute noch eines des markantesten „Überbleibsel“ des Festivals im öffentlichen Raum. Mit der Skulptur, das eine Kopie der Freiheitsstatue von New York darstellt bzw. von deren Stahlgerüst, das von Gustav Eifel stammt, bezog Skerbisch sich auf Franz Kafkas „Amerika“ mit der Intention dessen „gegenständliche Sprache als skulpturales Zeichen in den öffentlichen Raum zu übersetzen“. Aus dem temporär angedachten Kunstwerk wurde ein dauerhaftes – es wurde lediglich versetzt vom Brunnen-Basin direkt vor dem Opernhaus auf die Wiese daneben, wo es heute noch als eines der signifikantesten Zeichen neuer Kunst im Stadtraum wirkt.
Wir waren im Wollgeschäft, im Buchgeschäft, einen Kaffee trinken, und dann sind wir so langsam wieder Richtung heimzu spaziert.
Um in guter Nachbarschaft zu einem weiteren Überbleibsel eines steirischen herbstes festzustellen, dass die Figuren des Stadtparkbrunnen endlich wieder zurückgekommen sind und sich die Restaurierungsarbeiten einem Ende zu neigen. Zur modernen Skulptur, inzwischen nur noch als der Rostige Nagel bekannt, findet sich auf der Seite des steirischen herbstes folgender Text: Die Skulptur von Serge Spitzer enstand im steirischen herbst 1985 im Rahmen des Projekts „Die neue Dimension: Skulptur und Raum“. In ihrer metallenen Präsenz und als Kontrapunkt zum historistischen Stadtpark-Brunnen und der Parklandschaft rief sie rasch konservative Zeitgenossen auf den Plan. Die vom Künstler ursprünglich als „Brunnenwerk“ titulierte Arbeit wurde von der Gegnerschaft als rostiger Nagel verhöhnt und jahrelang heftig kritisiert. Die einstige Beschimpfung blieb als Name, genauso wie das Werk selbst. Bis heute steht beides für politische Auseinandersetzungen rund um Kunst im öffentlichen Raum. Noch mehr Info zum Rostigen Nagel und zur Kontroverse um ihn gibt es bei offsite_graz.Vor der Leechkirche die nächste Kunstinstallation. Die Buchstaben stehen für trans-MIR*grazion – Ein Friedenszeichen wandert durch die Stadt. Aus einer Kunstinstallation mit dem Wort Wir entstand durch Buchstabendrehung das Wort „MIR“, das in vielen slawischen Sprachen Frieden bedeutet. Zur weiteren Geschichte und den bisherigen Stationen folge dem Link zur Steirischen Landesbibliothek. Und ich weiß nun auch endlich, was es mit dem Wort auf sich hat. Komme ich doch regelmäßig mit dem Fahrrad daran vorbei, habe mir aber noch nie die Zeit genommen, zum Infotafel lesen anzuhalten oder sonstwie zu recherchieren.
Das waren 2 Tage Spaziergänge durch die Stadt, mit Kunst am Wegesrand. Als Bonus gibt es noch ein paar Schaufensterinhalte, die ebenfalls im engeren und weiteren Sinn Kunst zeigen.
Eine Galerie in der Bürgergasse zeigt wirkliche Kunst. Textile Kunst noch dazu.Sorry, den Text dazu zeige ich lieber als Foto, bevor ich die ganze Info zusammenfasse und tippe. Die Blumengebinde beim Burgfloristen sind immer wieder ein Kunstwerk. Ich wiederhole mich da. Mehr Kitsch als Kunst, würde ich sagen. Harry Styles zum an den Christbaum hängen gefällig?
Damit verabschiede ich mich für diesmal. Einen Spaziergang um den Happurger Stausee gibt es hier zu sehen (demnächst, Link folgt sobald ich auch hier mit Recherche und Text fertig bin).