Monatsspaziergang im November mit Jugendstil und Graue-Wolken-Mimikry

Seit Anfang Juni diesen Jahres arbeite ich in der Nähe des Grazer Landeskrankenhauses. Mein Arbeitsweg führt mich mit dem Fahrrad entweder am weitläufigen Gelände entlang oder, meist am Nachhauseweg, mitten hindurch. Den Monatsspaziergang bei Kristina im Hinterkopf habe ich dann an einem der letzten schöneren Tage im November in der Mittagspause einen Spaziergang durch einen Teil des Geländes und die angrenzende neue Med-Uni gemacht.

Ihr fragt euch jetzt sicher, warum geht man freiwillig in einem Krankenhaus spazieren? Noch dazu mit der Pandemie noch im Hinterkopf? Tatsächlich war ich in keinem der einzelnen Gebäude drinnen, ich bin nur außen am Gelände herumspaziert. Das Grazer Landeskrankenhaus/Universitätsklinikum ist nämlich ein Vertreter der im 19. und frühen 20. Jahrhundert stark vertretenen Pavillonbauweise. Das heißt das Krankenhaus besteht aus isolierten Einzelklinikgebäuden. Und obwohl sich die Medizin ständig weiterentwickelt und die Veränderungen in Diagnostik, Therapie, Fächerstrukturen und hygienischen Erkenntnissen permanent Erweiterungen, Umbauten und Anpassungen erforderlich machen, die natürlich auch an der Anlage des LKH Um-, Zu- und auch Neubauten bewirkten, ist die ursprüngliche Anlage in ihrer Gesamtheit und gestalterischen Ausformung noch sehr präsent. Auch weil die KAGes, die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft, bereits in den 1970ern mit der Entwicklung eines Masterplans begann und die 1995 daraus resultierende städtebauliche Studie und Bebauungsplanung seither in steter Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt umsetzt und kontinuierlich weiterentwickelt.

Was ist aber nun so besonders an der Anlage?

Mal abgesehen von den bereits erwähnten Um-, Zu- und Neubauten wurde der ursprüngliche Gesamtkomplex in nur 10-jähriger Planungs- und Bauzeit von 1903 bis 1912 nach Plänen der steirischen Landesbaudirektion im sezessionistischen Stil errichtet. Das verbindende Stilelement aller Pavillons ist ein später Jugendstil, der sich einheitlich in einfachen Formen über Fassadenputz und Dekorelemente zog. Einige dieser Dekorelemente sind noch erhalten, einige, vor allem viele Dachaufsätze, sind verschwunden. Alles in allem hat sich die Anlage in den über 100 Jahren ihres Bestehens trotz enormem Veränderungsdruck jedoch sehr gut gehalten.

Die Anlage aus Pavillon und Blockbauten hatte die neuesten Krankenhäuser der Metropolen Wien, Berlin und Hamburg als Vorbild und wurde damals nach den Gesichtspunkten modernster Krankenhausarchitektur errichtet. Unter anderem sollte die Ost-West Orientierung der Krankensäle mit großen Fensteröffnungen und Oberlichten für eine optimale natürliche Belichtung und Belüftung sorgen. Nach seiner Fertigstellung galt es als größtes und modernstes Krankenhaus Mitteleuropas, wenn nicht gar Europas. Auch heute noch ist es anscheinend, zumindest flächenmäßig, das größte Krankenhaus Europas.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hilmteich_ASK05_06310.jpg

Und die Anlage ist nicht gerade klein. Am zur Entstehungszeit östlichen Stadtrand von Graz entstand auf ca. 60 Hektar Gesamtfläche auf einer an den Leechwald angrenzenden erhöhten Geländestufe über dem Leonhardplatz ein Baukomplex mit anfänglich auf 15 konzipierten, letztendlich jedoch 35 Einzelbauten. Entlang einer annähernd Nord-Süd ausgerichteten Zentralachse und ein paar Nebenachsen reihen sich überwiegend dreigeschossige Gebäude mit bekiesten Flachdächern. Zwischenzeitlich ist die Anzahl der Gebäude auf über 50 angewachsen. Die meisten der Einzelkomplexe sind durch ein kilometerlanges unterirdisches Tunnelsystem miteinander verbunden, das nicht nur logistisch sondern auch für Patiententransporte verwendet wurde und teilweise noch wird. Die Unabhängigkeit wurde durch eine eigene Wasser- und Stromversorgung sowie durch eine eigene Wirtschaft, Gärtnerei sowie Wäscherei hergestellt. Von Anfang an gab es Anschluss an die elektrische Tramway (Straßenbahn).

Durch die erhöhte Geländeterrasse treten die äußeren Gebäude an der südlichen und östlichen Geländekante gut sichtbar in Erscheinung. Von der Innenstadt kommend nimmt man als erstes den inzwischen zu einer Randerscheinung verkommenen früheren Eingangspavillon und das darüber aufragende Direktionsgebäude wahr. Die städtebauliche Situation hat sich in den letzten Jahren stark verändert. So erhielt die trotz Chirurgieturm-Vorgänger immer noch vorstädtisch anmutende Situation am westlichen Rand des Geländes zwischen Leonhardplatz und nunmehriger Hauptauffahrt an der Hilmteichstraße durch den neuen Chirurgiekomplex und weiterer klinischer und privater größerer Bauten inzwischen ein großstädtisches Gepräge. Östlich des Geländes an der Zufahrt zum Stiftingtal die gleiche Situation. Entlang der vor einigen Jahren wegen des Klinikums verlegten Stiftingtalstraße und des Stiftingbaches reihen sich nun einige mehrgeschossige Klinikgebäude und vor allem der riesige Komplex der neugebauten Medizinischen Universität.

Die Medizinische Universität Graz wurde 2004 als autonome Universität aus der Karl-Franzens-Universität ausgegliedert. Seither entstand und entsteht noch in direkter Nähe zum LKH ein neuer universitärer Komplex. Das vorher als Landeskrankenhaus und Universitätsklinikum betriebene LKH ist seit 2002 ein reines Universitätsklinikum. Die Landesabteilungen wurden in das damals neu errichtete LKH West übersiedelt. Trotzdem blieb der Name LKH im Sprachgebrauch, wie ihr hier beim lesen merkt.

Die bereits formulierten Texte zur Entwicklung der Krankenhäuser in Graz und allgemein und zur Krankenhausarchitektur etc. habe ich übrigens wieder entfernt, als ich mir klargemacht habe, dass das hier ein Spaziergang und kein Vortrag ist. Ich hoffe, ihr wisst das zu schätzen 😉 Wer trotzdem ein bisschen mehr wissen möchte, findet hier, hier, hier und hier zumindest noch ein bisschen Info zur Geschichte des LKH und außerdem meine Quellen für die Informationen in diesem Beitrag.

Und nach all dem Text gibt es nun endlich auch Fotos. Wie von Kristina für den Monatsspaziergang vorgegeben nicht mehr als 25.

Die 25m breite, Hauptallee genannte Zentralachse. Die Erlöserkirche, die den nördlichen Abschluss bildet, ist aus dieser Entfernung durch die Alleebäume noch kaum wahrzunehmen.
Die Zentralachse weiter nördlich, kurz vor der Kreuzung mit der durch die inzwischen gar nicht mehr so neue Hauptauffahrt an der Hilmteichstraße stark aufgewertete West-Ost-Achse. Von hier ist die Erlöserkirche gut wahrnehmbar. Allerdings auch der Betonvorbau der ehemaligen Küchenanlieferung. Nachdem die Zentralküche vor ein paar Jahren in das neugebaute Versorgungszentrum an der Hauptauffahrt verlegt wurde, soll in den nächsten Jahren wohl dem Wunsch des Bundesdenkmalamtes nachgekommen und der Betonvorbau wieder rückgebaut werden. Und somit die Zentralachse mit der Allee in ihrer historischen Ausprägung wieder hergestellt werden.
Die Anstaltskirche „Zum heiligen Erlöser“ erinnert in Form und Stil zumindest von außen stark an die Kirche Am Steinhof in Wien von Otto Wagner. Innen anscheinend nicht so. Zumindest ist sie trotz erhöhter Lage und Stiegen barrierefrei erreichbar.
Einer der Innenhöfe. In der Nähe ist ein Hörsaalzentrum. Viele Studenten = viele Fahrräder 😉
Am Komplex der Frauenklinik sind die Dekorelemente am Dach großteils noch erhalten. Nachdem man jahrelang den Individualverkehr aus dem Gelände verbannt und ein großes Parkhaus außerhalb gebaut hatte, ist eine Zufahrt nicht nur bei Notfällen seit einigen Jahren nun wieder möglich und auch Parken innerhalb des Geländes wieder erlaubt.
An der Rückseite der Frauenklinik sieht man die modernen Hofeinbauten und den gebogenen Gang zum Hörsaalbereich. Überall am Gelände wurden kleine heckengesäumte Sitzinseln geschaffen.
Noch ein Hörsaal. Inzwischen laut Lageplan anscheinend mit anderer Funktion.
Und noch ein Hörsaal. Zwischen all dem Jugendstil ein bisschen 1950er Jahre.
Provisorien halten sehr oft länger als geplant. So auch hier beim OP-Provisorium. Provisorisch ist hier gar nichts an dem für 10 Jahre konzipierten und im Mai 1999 nach 9-monatiger Planungs- und Bauzeit bezogenen OP-Zubau an das Bestandsgebäude der Chirurgie. Anscheinend soll es nun jedoch nach der endgültigen Fertigstellung des neuen Chirurgiekomplexes in den nächsten Jahren rückgebaut werden.
Vom erhöht liegenden Gelände aus wirkt der Chirurgie-Neubau gar nicht so riesig wie von unten entlang der Hilmteichstraße.
Die Schmuckelemente der Fassade

Und noch ein paar Impressionen

Und als Kontrastprogramm noch die neugebaute Med Uni mit ihrer modernen Architektur

Von der Ostspange des LKH-Geländes gibt es einen direkten Zugang zu dem weit über dem Stiftingtal liegenden weitläufigen Brückensystem Richtung Mensa und den gesamten Komplex der Uni-Gebäude. Noch ist die Begrünung kümmerlich, immerhin wurde dieser Bereich erst Anfang Oktober fertiggestellt und zugänglich gemacht. Ich bin auch gespannt, wie sich die weiten Asphaltflächen im Sommer gebärden.
Man merkt gar nicht, dass man sich im 2. oder gar 3. Stockwerk befindet. Die Intention der grauen verpixelten Fassade ist angeblich, die Gebäudevolumen mit dem grauen Himmel verschmelzen zu lassen und dadurch zu tarnen. Funktioniert bei blauem Himmel eher minderprächtig 😉
Straße und Stiftingbach von oben. Die Straßenbahn, hier Bim genannt, wurde vor ein paar Jahren um etwa 700m bis zur neugebauten Zahnklinik verlängert. Die Gestaltung der Bachufer mit den Sitzstufen gefällt mir gut, von dort unten nimmt man die Straße auch kaum wahr.
Kunst am Bau und die Brückenanlage in die andere Richtung gesehen. Die Jugendstilbauten des LKH sind irgendwo dahinter und trotz ihrer erhöhten Lage aufgrund der Dimensionen der Neubauten nicht mehr zu sehen.

Die Anlage des Landeskrankenhauses hat sehr viel mehr und auch sehr viel moderne Architektur zu bieten. Ich habe mich bei diesem Spaziergang jedoch bewusst hauptsächlich auf die Jugendstilelemente konzentriert und als Kontrast dazu die megalomanischen Bauten der neuen Medizinischen Universität, die selbst die großen Krankenhausgebäude verzwergen. Meinen Monatsspaziergang im November verlinke ich mit dem Monatsspaziergang bei Kristina Schaper und bin gespannt, wo die anderen Teilnehmer diesmal so herumspaziert sind.

12 Kommentare

  1. Sehr sehr spannend. Bislang war ich nur notfallmäßig mit dem Kind in der Klinik und dann entsprechend ganz auf den Zustand des Kindes konzentriert. Die Architektur des LKH habe ich noch garnicht bewusst wahrgenommen! Das wird sich jetzt ändern! Du hast mir wieder eine neue Seite von Graz gezeigt!

    • Immer wieder gerne liebe Mirjam 🙂 Und einen der zukünftigen Spaziergänge machen wir dann gemeinsam in deiner Ecke von Graz, die ich nicht besonders gut kenne.
      LG heike

  2. Was für große Unterschiede
    Und ein Riesenkomplex!
    Der neue Part ist wirklich sehr grau in grau
    Vielleicht hätte ein wenig Begrünung Kunst und Farbe gut getan
    Aber sehr interessant Dein e Mitnahme
    Liebe Grüße
    Nina

  3. was für ein spannender bericht! ich bin regelrecht entzückt von der alten krankenhaus-anlage. wie schön und entspannend doch der weg mit den grünflächen und den bäumen zwischen den gebäuden doch ist! diese feinen details zu entdecken machen mir freude und die achse bis hin zur kirche ist wirklich faszinierend. es wäre tatsächlich angebracht den anbau rückzubauen, um wieder den freien blick zu haben.
    regelrecht geschockt war ich dann als deine bilder der gigantischen neuen klinik kamen. so viel beton, so wenig grün! ich frage mich, wer in einer solchen umgebung gesund werden soll. ein paar eingesperrte pflanzen helfen da nicht weiter. wohl fühlen würde ich mich dort ganz sicher nicht, auch wenn wohl medizinisch sicher alles getan wird.
    vielen dank für deinen bericht! er hat mich auch an einen besuch der ehemaligen heilstätten in beelitz bei berlin erinnert. dort wurde ebenfalls zu beginn des 20. jh ein lungensanatorium in einzelbauweise errichtet. heute sind dort überwiegend ruinen zu besichtigen, aber es ist unglaublich interessant, um einiges über krankenhausbauten zu erfahren. falls du lust hast, mal zu schauen, gibt es hier einen kleinen überblick: http://www.gestern-in-brandenburg.de/beelitz-heilstaetten-eine-wechselvolle-geschichte/ . ansonsten via wikipedia.
    liebe grüße
    mano

    • Liebe Mano, der Kontrast ist heftig, das habe ich beim fotografieren auch wieder überdeutlich bemerkt. Allerdings sind in den riesigen grauen Gebäuden kaum Krankenhausfunktionen und vor allem keine Patientenbereiche. Das meiste sind Hörsäle und Labore für die Medizinische Universität. Die Patienten sind hauptsächlich in den alten Gebäuden untergebracht. Und auch hier wie überall findet ein Wandel statt. Kürzere Verweildauer und hin zu mehr ambulanter Versorgung bei gleichzeitigem Rückbau der Bettenanzahl.
      Danke für den Link, ich werde mir das gerne mal ansehen. Seit ich vor über 20 Jahren begonnen habe planerisch immer wieder an Krankenhaus-Projekten mitzuarbeiten interessiert mich mit meiner Denkmalpflege-Affinität natürlich auch immer die historische Entwicklung.
      Danke fürs begleiten und liebe Grüße heike

  4. Guten Morgen Heike,
    was für ein interessanter Klinikkomplex. Besonders bemerkenswert ist der Unterschied zwischen den alten und den neuen Gebäuden. Ein sehr schöner Rundgang. Danke dir fürs Mitnehmen.
    Liebe Grüße vom Niederrhein
    Tina

  5. In diesem Text kannst du die Architektin wirklich nicht verleugnen, liebe Heike. 🙂 Sehr spannend, deine Sichtweise auf die alten Gebäude. So habe ich sie tatsächlich noch nie betrachtet, aber sehr interessant. Danke fürs Mitnehmen! Liebe Grüße, Gabi

    • Dabei habe ich mich dachte ich doch gerade noch am Riemen gerissen 😉 Die städtebauliche Denkmalpflege schlägt auch ein bisschen durch, habe ich beim nochmals durchlesen bemerkt. Manchmal kann ich offensichtlich nicht aus meiner Haut. Und ich liebe die Monatsspaziergänge. Danke fürs begleiten LG heike

  6. Liebe Heike,
    diese großen Krankenhausanlagen sind schon interessant, auf ihre Weise. Irgendwie sind es ja schon kleine Städte. Nur dass sie nicht so organisch wachsen sondern in großen Abständen im Hau Ruck Verfahren nach den neuesten Standards größere Komplexe dazukommen. Dabei finde ich die Verbindungen zwischen historischen und provisorischen oder neuen Teilen häufig ganz spannend. Eine graue Fassade durch den grauen Himmel tarnen zu wollen, ist auf jedenfall ein sehr origineller Gestaltungsansatz!
    Herzliche Grüße sendet
    Kristina

    • Liebe Kristina, ich hatte und habe beruflich immer wieder mit unterschiedlichen Krankenhausanlagen zu tun, immer wieder herausfordernd. Und einige wachsen auch einigermaßen organisch. Das LKH auch an einigen Stellen. Kopenhagen hat ja auch einige riesige Krankenhäuser, die teilweise auch architektonisch immer wieder erwähnt werden. Und The Kingdom 😉
      LG heike

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