Stoffspielereien mit Taschen

Im März lautet das Thema für die Stoffspielereien „Taschen“, sämtliche Beiträge zu diesem Thema werden bei PeterSilie & Co gesammelt. Ein interessantes, breit gefächertes Thema. Gibt es doch Taschen in Kleidungsstücken, und Taschen als autonome Umhängsel. Allen gemeinsam ist jedoch, dass man darin etwas unterbringen, verstauen, und auch transportieren kann.

Taschen sind aber noch so viel mehr. Nicht nur sind sie oftmals Ausdruck von Individualität und peppen auch gerne ansonsten unspektakuläre Kleidung auf, sie sind auch ein Symbol von Macht und Machtspielen. Oder warum wurde Frauen über Jahrhunderte das Recht von Taschen in Kleidung verweigert? Und wird Kleidung für Frauen auch heutzutage noch größtenteils, wenn überhaupt, mit Taschen versehen, die zu klein und meist unpraktisch sind? Angeblich weil man die Silhouette nicht stören will, und Frauen gar keine größeren Taschen haben wollen, sie haben ja eh Handtaschen. Haha. Aber auch nur in der Welt der Männer. Die Größenunterschiede von Taschen in der Kleidung von Frauen im Gegensatz zu der von Männern wurden unter anderem 2018 von The Pudding untersucht, schaut euch vor allem an, wie gut oder eben nicht diverse Mobiltelefone und andere Gegenstände in die Taschen passen, von Händen gar nicht zu reden.

In der Welt der Frauen sieht das dann so aus, dass man sich früher große Taschen umband, in denen man viel unterbringen konnte, auch das, was frau eigentlich nicht zugestanden wurde. Denn natürlich war der Mann der Verwahrer des Geldes. Und heute? Jene Frauen, die nicht ständig eine Handtasche/Umhängetasche/wasauchimmerTasche mit sich tragen wollen, suchen sich ihre Kleidung entweder nach der Art und Anzahl und Größe der Taschen aus, oder sie nähen sich ihre Taschen selbst in ihre Kleidung. Zumindest diejenigen, die nähen können und wollen. Entweder wird Kaufkleidung mit fehlenden Taschen versehen oder zu kleine Taschen werden vergrößert. Oder frau näht sich ihre Kleidung gleich selbst, mit von Anfang an ausreichend großen Taschen.

Für die Stoffspielereien habe ich mich mit zweierlei Arten von Taschen an Kleidung beschäftigt. Einerseits gibt es eine Vielzahl an verschiedensten Taschen, mit denen man ein Kleidungsstück versehen kann. Meist enthalten die Schnitte, nach denen ich nahezu meine ganze Kleidung selbst nähe, bereits Taschen. Nicht immer nähe ich die vorgesehenen Taschen, manchmal ändere ich auch ab. Oder ich ergänze. Hier mal eine kleine Auswahl an Beispielen:

Der Schnitt sieht am Gesäß beidseitig Paspeltaschen vor. Da ich mit der einen nicht gerade glücklich war, habe ich auf der anderen Seite eine Tasche aufgesetzt.

Das schwarze Kleid ganz links ist ein mindestens 15 Jahre altes Kaufkleid, dessen aufgesetzte Blasebalgtaschen mit Kellerfalte als Inspiration für die aufgesetzten Taschen eines aus einem verlängerten T-Shirtschnitt entwickelten Jerseykleides dienten. Besser als auf den überbelichteten ganz frischen Fotos sieht man das Kleid hier. Das rechte Kleid hat eine kaum sichtbare Taschenlösung, die im Schnitt bereits so vorgesehen war. Kleid Raven aus LMV 5/2016

Seiten vertauscht und überbelichtet. Aber man kann’s erkennen. Im Gegensatz zur größeren Tasche des Kaufkleides habe ich die Kellerfalte bei meiner Version auch unten als solche fixiert. Der Umschlag ist auch kleiner, viel weniger Blasebalg.
Die Tasche beim Kleid Raven verschwindet hingegen in den Prinzessnähten. Man sieht sie eigentlich nur, wenn man die Hand hineinsteckt. Oder durchsteckt, denn auch das geht.
So sieht die Tasche von innen aus. Eine ziemlich geniale Lösung, die mir gut gefällt.

Taschen an Kleidung gibt es also unterschiedlichster Art. Sehr hilfreich ist dazu auch ein Buch aus meinem Buchregal, „Taschen an Kleidungsstücken perfekt genäht“ von Yoshiko Mizuno.

Und wie absolut passend, ist das Thema des aktuellen Tauko Nähmagazins (Issue N° 18) auch Pockets. Ausführlicher und vor allem fundierter als oben von mir nur kurz angerissen findet sich im Magazin ein Artikel von Hannah Carlson zu Taschen, „Designing Freedom: On Pockets, Power, and Women’s Clothes“. Das bereits 2023 erschienene Buch der Autorin, “ Pockets: An Intimate History of How We Keep Things Close“ ist somit ebenso auf meine Buchwunschliste gehüpft.

Neben diesem kurzen aber wesentlichen Artikel hat das Magazin natürlich auch Schnitte mit diversen Taschenlösungen zu bieten. Das Top vom Titelblatt hat es in meine engere Auswahl geschafft, ein Zero-Waste-Schnitt mit prominenten Taschen. Für die heutigen Stoffspielereien habe ich mich jedoch für einen weiteren Zero-Waste-Schnitt entschieden, die Umbindetasche Roo von Liz Haywood.

Eine moderne Version der Umbindetasche, wie sie seit mindestens dem 16. Jahrhundert, vermutlich jedoch bereits seit dem Mittelalter, und bis ins späte 19. Jahrhundert von Frauen unter den oder in den Falten der weiten Röcke versteckt getragen wurde. Manchmal nicht nur eine, sondern beidseitig. Diese Taschen haben sich in Form und Größe über die Jahrhunderte kaum verändert. Während die in die Kleidung direkt eingenähten Taschen für Männer ab dem 17. Jahrhundert gang und gäbe wurden, wurde dies den Frauen nicht zugestanden. Im Gegenteil, zeitenweise wie etwa im Regency mussten selbst die Umbindetaschen weichen, weil sie sich mit der vorherrschenden Mode nicht vertrugen. Ein paar schöne Beispiele historischer Umbindetaschen und auch ein bisschen Hintergrundinfo gibt es auf dieser Seite des V&A.

Bei Gabi habe ich so eine Umbindetasche dann erstmals in natura gesehen, sie hat sich bereits vor längerem eine genäht. Für die Stoffspielereien hat sie mir ihre Schnittskizze zur Verfügung gestellt und zum Nähtreff Anfang des Monats ihre Tie-on-Pocket als Anschauungsexemplar mitgebracht. Ich habe also zunächst eine Umbindetasche nach historischem Vorbild genäht, und dann noch die Tasche Roo als moderne Interpretation.

Den Nähprozess habe ich nur teilweise und nur bei Roo dokumentiert, bei der historischen Tasche habe ich es im Überschwang des Nähtreffs vergessen. Im Endeffekt handelt es sich um eine tropfenförmige Form, die 2x in Außenstoff und 2x aus Futterstoff zugeschnitten wird. Jeweils ein Außen- und Futterstoff erhält mittig einen geraden Schnitt vom schmalen oberen Ende bis etwa zur Mitte der Höhe, das wird der Eingriff. Die Eingriffkanten werden mit Schrägband eingefasst. Dann werden alle 4 Stoffteile zusammengeheftet und die Kante rundum ebenfalls mit Schrägband eingefasst. Zuletzt wird oben ein Schrägband angenäht, das zu beiden Seiten als Bindebänder weitergeführt wird.

Für die Tasche Roo schneidet man 2 Rechtecke nach Schnittvorlage zu. Aus einem der beiden Rechtecke wird die Rundung des Tascheneingriffs laut Schnitt ausgeschnitten. Das ausgeschnittene Stück wird zum aufgenähten Münzfach umfunktioniert. Es ist vorgesehen, dass die Musterseiten der beiden Hauptteile jeweils nach vorne blicken, die Rückseite wäre dann die Stoffrückseite. Da mir das nicht so ganz zusagte, habe ich ein weiteres gebogenes Schnittteil, diesmal mit zusätzlich Nahtzugabe, aus einem Stück Reststoff zugeschnitten, geendelt und auf den Rückteil aufgesteppt. Ganz Zero Waste war es dann nicht mehr, aber mir gefällt es so besser. In der Anleitung steht auch, dass man alle Teile vor Beginn versäubern soll. Habe ich nicht gemacht, sondern die Kanten immer erst bei Bedarf und teilweise erst nach dem Zusammennähen beide Stoffkanten gemeinsam versäubert. Der Tascheneingriff wird nicht geendelt, sondern mit Schrägband versäubert. Leider hatte ich keines im passenden Gelb, Kontrast wollte ich diesmal nicht, neu dazu kaufen auch nicht, also wurde es ein beiges mit dezentem Webstrukturaufdruck.

Ein nach angegebenem Mass zugeschnittenes und mittig längs gefaltet knapp abgenähtes Stoffstück wird als Zwickel an der langen Seite und ums Eck an der unteren kurzen Seite angenäht. Danach erst habe ich beide Stoffkanten zusammen versäubert. Die Rückseite wird genauso angenäht und versäubert.

Dann habe ich erst wieder Fotos vom fertigen Stück gemacht. Jedenfalls wird die Ecke des Zwickels noch extra abgenäht, die auch nach Schließen der verbliebenen Seitennaht offen bleibende Kante vor dem Zusammennähen mit einem Stoffstreifen versäubert und oben ein Tunnel zum Durchschlaufen eines Bindebandes oder Gürtels angenäht.

Die fertige Umbindetasche von vorne und von hinten.

Mit meinen beiden Umbindetaschen bin ich nun für allerlei Gegelegenheiten gerüstet. Und dank dem Taschenthema bei den Stoffspielereien habe ich das schon länger geplante Vorhaben einer Umbindetasche nun auch endlich umgesetzt. Sogar zweimal.

Und weil ich die Umbindetasche nach historischen Formen bei Gabi zuerst gesehen habe, darf ich beim BINGO! von antetanni ein Kreuzchen bei bei anderen gesehen machen.

Die Stoffspielereien

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Lass dich vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Einen Überblick über die bisherigen Stoffspielereien, die schon seit 2012 laufen, findest Du auf stoffspielereien.net.

Die Stoffspielerei-Termine 2026:

2 Kommentare

  1. Danke für den Einblick in die weibliche Taschengeschichte. Dass sie wirklich mal ‘verboten‚ waren? Unglaublich. Wir Mädels bevorzugen auch Taschen in Pyjamahosen, damit das Taschentuch einen Platz hat. Aus einer Cargohose habe ich einmal eine Tasche genäht, weil ich die Blasebalgtaschen so praktisch fand. Deine Umhängetasche regt mich an, mir doch eine Tasche für‘s Zeichnen draußen zu nähen. Mal sehen, ob ich das nun besser hinkriege. Liebe Grüße, Elvira

    • Wenn es nicht urheberrechtsgeschützt gewesen wäre, hätte ich ein ebenfalls im Tauko Magazine abgedrucktes Modell der Spring 2019 Kollektion von Marine Serre noch gezeigt, ein Kleid über und über mit Cargotaschen übersät. Unter Look 41 findet man es, wenn man suchen möchte. Da muss man sich dann allerdings gut merken, in welcher der vielen Taschen man das Taschentuch verstaut hat 😉 Bei Taschen in Pyjamahosen bin ich also ganz bei dir. Mich hat die moderne Umhängetasche auch gleich angesprochen, für Gartenwerkzeug, für Malutensilien, aber auch zum Fotografieren unterwegs.
      Apropos Mädels und Taschen, eine Schülerin in England hat an ein Warenhaus geschrieben, warum nur die Schuluniformen für Jungs Taschen haben, „wir Mädels haben auch Sachen zu verstauen“ (einem BBC-Beitrag entnommen). Ach, wenn man mal anfängt mit dem Lesen zu Taschen, fällt man in ein Rabbithole…
      Liebe Grüße, heike

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