Seit ich weiß, dass es in meinem alten Heimatlandkreis eines der letzten großen Bauwerke von Walter Gropius gibt, will ich da hin. Nun haben wir endlich Nägel mit Köpfen gemacht, haben gemeinsam mit meiner Cousine kurz nach Ostern Termine geschaut und Tickets für eine der raren Führungen gekauft. Und am 17.Juli um 10:30 am Vormittag war es endlich soweit. Wir sind nach Amberg in den Stadtteil Bergsteig gefahren und haben uns die Glaskathedrale angesehen.

Erst mal was zu Walter Gropius, weil ihn vermutlich doch nicht jeder kennt. In Architektenkreisen ist er bekannt, unter Designern auch. Wer sich schon mal mit Alma Mahler-Werfel befasst hat, dem ist er auch schon mal begegnet. Am bekanntesten ist er vermutlich als Gründer und langjähriger Direktor des Bauhauses. Genau, dem Bauhaus. Die Kunstschule, die Kunst und Handwerk zusammenführen wollte und es auch tat. Die 1919 in Weimar gegründet wurde, 1925 nach Dessau zog und 1933 auf Druck der Nazis aufgelöst wurde. Da war Gropius seit 1928 schon nicht mehr Direktor, sondern freier Architekt in Berlin. 1934 zog er nach London, bevor er 1937 in die USA emigrierte und in Harvard lehrte. 1946 gründete er The Architecture Collaborative, kurz TAC. In seinen letzten Lebensjahren übernahm er auch hin und wieder Projekte in der alten Heimat. Wie unter anderem die Planung eines Werkgebäudes für Rosenthal Porzellan in Selb. Und dann nochmal im Auftrag von Rosenthal die Planung des Thomas Glaswerkes in Amberg. Das war 1969, in seinem Todesjahr. Die Fertigstellung 1970 erlebte er nicht mehr. Ausführender Architekt war sowieso ein junger Kollege von TAC gewesen, Alexander Cvijanovic, so konnte das Bauwerk auch ganz im geplanten Sinn fertiggestellt werden.

Und was für ein Gebäude. Der Baukörper, den man vom Komplex wahrnimmt, ist die 111m lange Schmelzofenhalle. Vorbereitungsbereich und Nachbereitungsbereich zu beiden Seiten, durch Innenhöfe von der Halle getrennt und nur mit Glasgängen mit dieser verbunden, sind sehr viel niedriger und quasi im Gelände versenkt bzw. mit Erdanschüttungen versehen. Kein Wunder, dass die hohe und lange Schmelzofenhalle mit den Giebelverglasungen und den Glasschlitzen in den Schrägen dem Bauwerk den Namen Glaskathedrale einbrachte. Vor allem wenn es draußen dunkel war und innen die Schmelzofen geglüht haben muss das spektakulär ausgesehen haben. Gleichzeitig kam und kommt durch die vielen Glasflächen auch viel Tageslicht ins Innere, das Werksgebäude sollte auch eine „Kathedrale der Arbeit“ sein.
Leider durfte man im Inneren nicht fotografieren. Nur beim Vortrag in einem speziellen Vortragsraum. Und ausgerechnet den bei den Schautafeln bei der Pförtnerloge abgebildeten Grundriss habe ich nicht fotografiert, weil erst jemand halb drüberhing und nicht weichen wollte, und beim Rausgehen habe ich dann darauf vergessen. Deshalb verlinke ich hier diverse Seiten, wo man einen besseren Eindruck bekommt. Und wo es sehr wohl auch Innenraumfotos gibt.
- Generelle Infos gibt es unter Glaswerk (Amberg) bei Wikipedia
- Zumindest ein Innenraumfoto der Halle findet sich hier
- Ganz viel Info gibt es auch bei diesem Video der Amberger Gästeführer zur Glaskathedrale, über Youtube zu sehen (etwa 16 Minuten, die sich lohnen)
- Führungen können über das Stadtmuseum Amberg gebucht werden, hier gibt es genauere Infos dazu
Und hier sind nun meine wenigen Fotos, die hoffentlich trotzdem einen recht guten Eindruck dieses Bauwerks vermitteln können.




Am Gelände der Glashütte bestand bereits zuvor eine Glashütte, die Elisabethhütte. Diese blieb während der ersten Phase des Baus des neuen Werks in Betrieb. Nach Fertigstellung der straßennäheren oberen Hälfte wurden zwei der Schmelzöfen in Betrieb genommen und die Produktion im neuen Werk aufgenommen. Dann erst wurde die Elisabethhütte abgebrochen und die untere Hälfte des Werkes mit zwei weiteren Schmelzöfen fertiggebaut. Auf der Infotafel oben ist ein Foto dieser Zwischenphase im Bau abgebildet.




An Gebäuden anderer Art sind wir dann am Weg zu unserem nächsten Programmpunkt vorbeigefahren. Der Bergsteig wurde nach dem 2. Weltkrieg vor allem von Flüchtlingen besiedelt, unter anderem viele Menschen aus Böhmen. Dieses Gebäude hier erinnert noch an die damaligen Baracken. Und direkt daneben hat sich nicht nur eine Baracke, sondern eine ganz spezielle Baracke erhalten.



Eine Kirche, die nicht wie eine Kirche aussieht, und eine Kathedrale, die maximal eine Kathedrale der Arbeit, aber keine Kirche ist. Thematisch passte es ganz gut, dass wir danach noch den Europatempel und die Asphaltkapelle besucht haben.
Baugeschichten statt Teiggeschichten fürs BINGO! von antetanni, das klingt nach einem Joker.

Sehr sehr toll. In Selb gibt es auch ein Werk von Rosenthal, auch von Gropius, der Freund meiner Tocher, der da als Werkstudent war, fand es nicht so berauschend, ich wäre gerne mal von Bayreuth aus hingefahren, aber am Ende war mir die Bahnfahrt doch zu aufwändig und zu einem Autoausflug kam es nicht mehr, seit einem halben Jahr arbeitet er woanders als Werkstudent. Perlen in der Provinz!!! Lg aNJA
Das in Selb habe ich sogar erwähnt, am Rotbühl heißt es glaube ich. Selb und auch das in der Nähe davon gelegene Arzberg sind interessante Porzellanstädte. Oder eher sie waren es. So wie in Sulzbach-Rosenberg auch noch Reste der Maxhütte herumstehen, nicht nur im Ruhrgebiet gab es Eisenverarbeitung. Die Provinz hat durchaus auch etwas zu bieten 😉
Liebe Grüße heike
Liebe Heike, das ist wirklich interessant. Und obwohl ich nur 40km von Amberg entfernt wohne, wusste ich gar nichts darüber. Danke für deinen ausführlichen Bericht. Viele Grüße, Angela
Liebe Heike, das ist wirklich interessant. Und obwohl ich nur 40km von Amberg entfernt wohne, wusste ich gar nichts darüber. Danke für deinen ausführlichen Bericht. Viele Grüße, Angela
Ich habe auch erst davon erfahren, als ich schon lange nicht mehr in der Oberpfalz gewohnt habe. Amberg hat sich erst sehr spät auf dieses ganz besondere Gebäude besonnen, nun ist man aber doch stolz darauf.
irgendwie schwante mir, dass du aus der weiteren Umgebung kommen könntest.
Liebe Grüße heike
Die Glaskathedrale sieht imposant aus. Ich finde es spannend, daß eine Produktionsstätte so ein einzigartiges Design hat. Heute sind Werkstätten und Fabrikhallen alle gleich langweilig und häßlich aus.
LG Gabi
Meistens werden Produktionsstätten aus Fertigteilen und Fertigpaneelen hingestellt, schnell und kostengünstig. Dementsprechend sieht dann unsere gebaute Umwelt aus. Aber es gibt Ausnahmen, auch neuere.
Liebe Grüße heike
Interessant, was es so alles in jener doch etwas abseitigen Gegend Deutschlands so gibt. Unsereiner ist ja über Nürnberg noch nicht hinausgekommen, zumindest nicht in die Oberpfalz. Aber wenn die bahn sich weiter so bemüht und so heftig umleitet wie vor einer Woche, lerne ich noch andere Landstriche kennen. oder eben in Blogposts wie diesem hier.
GLG
Astrid
Die Deutsche Bahn durfte ich Mitte Juli ja auch wieder von einer ihrer schlechteren Seiten kennenlernen. Die Oberpfalz jedenfalls ist unbekannt und verkannt. Wenn ich dann erwähne, dass Regensburg auch zur Oberpfalz gehört, kommt immer der Aha-Effekt. Wobei es auch andere interessante und alte Orte in der Oberpfalz gibt. Und offensichtlich doch auch interessante moderne Architektur. Wusste ich auch lange nicht 😉
Liebe Grüße heike
Was für Interessante Architektur.
Das man drin nicht fotografieren kann… waren wirklich dort Geheime Industrieanlagen … oder die Arbeitsbedinungen waren nicht ganz mit dem Gesetzt konform 😉
Tolle Bilder und interessante gegend
LG czoczo
Ganz so geheim kann es nicht sein, denn ich habe ein Filmchen gefunden, das in der Schmelzofenhalle gedreht wurde. Aber es ist eine Bedingung, unter der das Stadtmuseum dort Führungen machen darf.
Liebe Grüße heike
Es war ein voll schöner Tag fand ich. 🙂
Finde ich auch 😊
Big Hug heike