Abseits der Quilts in Sainte Marie aux Mines

Bereits seit 31 Jahren gibt es im elsässischen Val d’Argent den Carrefour Européen du Patchwork. Ich war heuer zum ersten Mal dort. Und da ich auch nur einen Tag dafür reserviert hatte, war ich auch nur in einem der vier Orte, in denen die Ausstellungen stattfinden. Auch innerhalb der vier teilnehmenden Dörfer verteilen sich die Ausstellungen auf mehrere Orte. So dass man beim zwischen den verschiedenen Ausstellungslokalitäten herumspazieren auch etwas vom Ort selbst zu sehen bekommt. Und auf diese Weise einen weiteren Monatsspaziergang im September bekommt. Begleitet mich also auf einen kleinen Spaziergang durch Sainte Marie aux Mines.

Der Gemeindeverband des Val d’Argent setzt sich aus den Gemeinden Lièpvre, Rombach-le-Franc, Sainte-Croix-aux-Mines und Sainte-Marie-aux-Mines zusammen. Also aus genau den vier Austragungsorten des Carrefour Européen du Patchwork. Gleichzeitg deutet der Name des Gemeindeverbands bereits an, was über die Jahrhunderte die Haupteinnahmequelle der Region war. Nämlich der Bergbau, und vor allem der Abbau von Silber und Blei. Die Ausbeutung der Bodenschätze ist bereits seit dem Mittelalter belegt, zumindest durch die Mönche des im 13. Jhdt. gegründeten Klosters Échéry.

Für einen Ort mit derzeit nicht ganz 5000 Einwohnern (bzw. etwa 9000 im Gemeindeverband Val d’Argent) ist das 1908 erbaute Theater groß. Und kündet von ehemals besseren Zeiten. So hatte der Ort im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert um die 12.000 Einwohner.
Wir haben dort unsere Tickets und Eintrittsbändchen gekauft und gleich die erste Ausstellung besucht. Die Quilts gibt es allerdings in einem eigenen Beitrag zu sehen.

Eine der schönen Türen des Theaters. Und eine Eingangstür am Weg.

Im Kontrast dazu eine leerstehende Produktionshalle.
Und auch hier ließ sich Streetart entdecken. Von wem das Werk ist habe ich bisher noch nicht herausgefunden.
Der Place Keufer, auf dem gerade ein Garten der Amish installiert ist.

Was die Amish mit dem Val d’Argent zu tun haben? Viele Anabaptisten ließen sich ab dem 16. Jahrhundert im Elsass nieder, wo sie Täufer bzw. „Daifer“ genannt wurden. Zu den Amish sagt das Virtuelle Museum des Protestantismus:

„Am Ende des 17. Jahrhunderts siedeln sich etwa 60 Familien aus der Berner Region unter der Führung von Jakob Amann im Tal von Sainte-Marie-aux-Mines an. Der als ‚Pariarch‘ bezeichnete Amann stößt sich an der Lebensweise und der Disziplin der anabaptistischen Gemeinde im Elsass. Er fordert größere Strenge, insbesondere einfache Kleidung. Die neue Gemeinschaft, die ‚Jakob Amanns Partei‘ genannt wird, dann ‚Amish‘ in Nordamerika, entsteht 1693 nach ihrer Abspaltung von den Anabaptisten (in Amerika nennt man sie weiterhin ‚Daifer‘). Sie gruppieren sich hauptsächlich um Sainte-Marie-aux-Mines und dank ihres Arbeitseifers haben sie einen guten wirtschaftlichen Erfolg. Sie erwerben die wichtigsten Bauernhöfe und Güter der Region. Ihre Herden sind die größten und fruchtbarsten. Sie bekommen einige Privilegien, dafür wird ihnen ein finanzieller Ausgleich abverlangt.

  • sie brauchen nicht in der Armee zu dienen ;
  • sie brauchen das Amt des örtlichen Steuereintreibers nicht auszuüben ;
  • sie können den Eid durch einen Händedruck (« Handtreue » genannt) ersetzen.

Später, unter Napoleon, wurde ihnen das Waffentragen wieder zur Pflicht gemacht, was einen Großteil der Amischen im Elsass und in Lothringen veranlasste, in die Neue Welt aufzubrechen.„

Das Flüsschen Lièpvrette fließt zwischen den Hausreihen und ist ziemlich eingebaut, nur an einigen Stellen kann man einen Blick erhaschen, wie hier am place Keufer. Die Lièpvrette/Leber war im übrigen Grenzfluss zwischen zwei Herrschaftsbereichen, dem der Herzöge von Lothringen und auf der Elsässer Seite dem der Herren von Rappoltstein und damit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zugehörig. Mit den Glaubensspaltungen hieß das dann ab dem 16. Jahrhundert eine Teilung in einen francophonen, katholischen Herrschaftsbereich Lorraine und einen deutschsprachigen, protestantischen Herrschaftsbereich Alsace. Erst nach 1790, nach der Revolution, schlossen sich die beiden Gemeinden zu einer Gemeinde zusammen.

Der Ort ist schmal und langgezogen, hinter den Häuserreihen steigt das begrünte Tal gleich an. Die Reformierte Kirche von 1634 ist ein Monument historique, steht also unter Denkmalschutz. Der Glockenturm ist von 1807. Wie in so einigen Kirchen in den Orten gab es auch dort eine Patchworkausstellung.
In vielen Schaufenstern des Ortes sind Quilts dekoriert.
Dazwischen gibt es jedoch immer wieder leerstehende Geschäfte, auch an der Hauptstraße.
Interessant finde ich auch die geprägten Metallblechplatten, die als Witterungsschutz so einige Fassaden kleiden.
Eines von 2 Renaissancetürgewänden mit Stabwerk, bezeichnet 1616, von der Kirche in Obernai hierher versetzt. Eintragung in die Denkmalliste 1934.
Chapelle Ste Madeleine in der Rue du Docteur Muhlenbeck.

Damit wären wir am Espace des Tisserands und somit bei den nächsten Ausstellungen angelangt. Die es wie gesagt in einem eigenen Beitrag zu sehen gibt.

14 Kommentare

  1. Einen ganz eigenen Charm haben viele Orte der Elsass (immer noch). Diese Metallplatten, wenn auch oft einfacher) als Schutz vor allem bei Fachwerk kenne ich auch noch. Fachwerk muss ja sehr häufig neu ausgebessert, angestrichen und geweißelt werden. Daher haben manche bei alten Häusern gerade auf der West- und Nordseite den Weg gewählt, zumal Schiefer ja auch nicht preiswert war und ist. So „überbaute“ Flüsschen sieht man ja auch in der ganzen weitgefaßten Region, nicht nur im Elsass.
    Das dort allerdings die Amish eine Zeitlang gewohnt haben, wusste ich nicht. Dankeschön für all die tollen Bilder, besonders von den schönen Eingängen!
    Liebe Grüße und schönen Sonntag und nur noch 2x schlafen 😊
    nina

    • Interessant war dass sich der Bergbauort Ste Marie aux Mines neben all den charmanten Weinbauorten mit viel Fachwerk und Szenerie absolut nicht verstecken muss, sondern selbst sehr viel Szenerie zu bieten hat. Andere, eben, weniger offensichtlich, bei weitem nicht so lieblich wie die anderen Orte. Aber dadurch umso spannender.
      Das mit den Amish wusste ich durch das Patchworkfestival, das war ja überhaupt der Ausschlag dafür, und dann habe ich noch ein bisschen nachgelesen. Für mich spannend ist ja auch, dass es wie in meiner Kindheitsheimat noch Simultankirchen gibt. Und doch ist es ein ganz anderer Protestantismus als der lutherische meiner Kindheit. Bis dahin dass die Kirchen der reformierten Gemeinden Temple heißen und nicht Eglise.
      Portale im Elsass würden ebenfalls mindestens einen eigenen Blogpost abgeben, zusätzlich zu den Brunnen.
      Liebe Grüße heike

    • Mit all den lieblichen Weinorten mit Fachwerk und ganz viel Szenerie kann und darf man den Ort nicht vergleichen, ich fand ihn aber gerade deshalb ganz besonders spannend. Auch diese Diskrepanz zwischen früherem, noch erkennbarem Wohlstand und den leerstehenden Industriearealen, rundherum die grünen Hänge. Und dann der geschichtliche Kontext, an dem ich ja nur gekratzt habe, hat der Ort doch noch viel mehr Geschichte zu bieten.
      Liebe Grüße heike

  2. Was für ein schöner Spaziergang und interessante Informationen. Die Geschichte der Gegend kenne ich ein bisschen aber ich war noch nie dort obschon es von uns nur gut 2 1/2 Stunden Autofahrt sind 🤔.Muss mal mit dem Mann darüber reden !!

  3. Interessant, habe bei Ute und Clara bei Instagram erstmalig davon gehört, jetzt muss ich doch mal gucken, wo das im Elsass ist,aber mit Öffis bist du da nicht hingekommen, oder?

    • Doch, natürlich sind wir da mit Öffis hin. Unsere Basis war Colmar, das liegt genau an der Strecke Basel-Strasbourg, und so sind wir nach Strasbourg, Mulhouse und eben auch Sélestat mit dem Zug gefahren. Von Sélestat/Schlettstadt gibt es dann einen Bus nach Sainte-Marie-aux-Mines, der fährt stündlich, der letzte um 19 Uhr irgendwas. Das einzige Problem ist, dass der Busfahrer nur soviele mitnimmt wie Sitzplätze haben, was ja per se gut ist. Nur an den Patchworktagen sind mehr Mitreisende als Sitzplätze, vor allem weil der Bus Freitag Abend bereits über die Hälfte mit Schülern voll war. Wenn man dann allerdings nicht mitfahren kann und 1 Stunde auf den nächsten warten muss, ist das ziemlich blöd. Einerseits wurde beworben, dass man doch bitte öffentlich anreisen soll, weil Parkplätze zwar vorhanden aber nicht wahnsinnig viele, und andererseits kommt man dann nicht auf die Idee dass die üblichen Kapazitäten dann nicht ausreichen könnten. Gibt es ja erst seit 31 Jahren, das Patchworkfestival. Ich hatte Glück, mein Mann war schon drin, dann haben sich ein paar vorgedrängelt, und genau hinter mir war dann Schluss, puh.
      Nur für eine Tour durch ein paar der hübschen Weinstraßenorte haben wir für einen Tag ein Auto ausgeliehen. Das wir aber vor 18 Uhr wieder zurückbringen mussten. Die Tour wäre zwar prinzipiell auch mit Bus möglich gewesen, dann hätten wir aber sehr viel weniger gesehen.
      Clara war ja der Auslöser, dass wir unseren Urlaub um den Carrefour herum geplant haben und ins Elsass gefahren sind. Ich habe letztes Jahr zum ersten Mal vom Carrefour du Patchwork gehört, und es hat sich ausgezahlt, auch wenn wir nur einen Tag waren. Insgesamt waren wir eine Woche im Elsass, davor etwa einen Tag in Basel und danach noch einen Nachmittag in Baden in der Villa Langmatt und bei Stefanie und einen Tag in Zürich bzw. in der Nähe auf Verwandtschaftsbesuch. Und alles war sehr gut mit Öffis zu bewerkstelligen.
      Liebe Grüße heike

  4. Der Ort ist bei schönem Wetter und voller quiltbegeisteter Frauen sehr pittoresk, das zeigen deine Fotos sehr schön. Ich frage mich, wie er an einem verregneten Tag ohne die vielen Besucher wirkt.
    Aber das Patchworkfestival ist immer einen Besuch wert. Der Anblick der mir nach vielen Besuchen sehr vertrauten Gebäude, weckt nur die allerbesten Erinnerungen.
    LG Gabi

    • Der Gedanke kam mir auch schon, wie der Ort wohl bei Regen wirkt. Trostlos vermutlich. Wie so viele Orte eben, die sich über die Zeit nicht eben zu ihrem Vorteil entwickelt haben. Das Patchworkfestival ist da ebenso wie die Mineralienmesse ein Frequenzbringer für den Ort. Und beim nächsten Mal nehem ich mir auch mehr Zeit als nur einen Tag.
      Liebe Grüße heike

  5. Viel gelernt und erfahren, es immer sehr spannend in die Geschichte der Orte einzutrauchen.ja, an den Gebäuden und augbeblicklicher Nutzung läßt sich oft sehr gut der wirtschaftliche Wohlstand vergangere Zeiten ablesen. ist in der Oberlausitz ähnlich. Wunderbare Türen hast du eingefangen.
    Ich finde nach wie vor erstaunlich, dass sich die Patchworkausstellung dort so etabliert hat, aber wie du schreibst hat auch das mit den Amishen zu tun. Vielleicht schaffe ich es auch mal dorthin. Freue mich auf deinen nächsten Post.
    Viele Grüße, Karen

    • Langsam wird es Zeit endlich den Post über das Patchworkfestival zu machen. Nur ständig ist was anderes dringender, weil mit Termin… Oder überhaupt das pralle Leben… Immerhin habe ich die Anzahl der Fotos schon mal ein bisschen reduziert.
      Die Geschichte des Ortes und des Tales, die war für mich auch spannend weil so komplett neu. Gerade auch der Teil mit den Amishen. Und auch das Patchworkfestival war viel moderner als gedacht, meine bisherigen Vorurteile ausgeräumt 😉 Das Programm werde ich ab nun genauer im Blick haben, und gerne wieder mal hin fahren.
      Liebe Grüße heike

  6. ich mag solche orte, die nicht so herausgeputzt sind tatsächlich lieber, weil man dort viel mehr interessante entdeckungen machen kann. ich erinnere mich so gerne an den zauber eines alten klostergartens in der bretagne mit allerlei verwitterten gebäuden, u.a. ein altes gewächshaus, wo noch gar nichts renoviert war. meine freundin und ich hätten dort tage verbringen können. zwei jahre später war alles erneuert und schick gemacht worden. der garten und die gebäude hatten jeglichen charme verloren.
    deine bilder sind wieder wunderbar detailreich und die geschichte des ortes ist wirklich äußerst spannend. leben denn heute immer noch dort amishfamilien? auf jeden fall passt dann diese patchwork-ausstellung ja besonders gut dahin. ob der ursprung wohl auch bei den amish lag? ich habe bei clara bimbambouki ja schon einiges (zumindest bei instagram) von der ausstellung gesehen und war beeindruckt, dass in so kleinen orten so viele aktivitäten stattfinden/fanden.
    jetzt bin ich natürlich gespannt auf deinen bericht über die quilts.
    liebe grüße von mano

    • Ich mag die nicht so herausgeputzten Orte auch lieber. Meistens. Manchmal ist es aber auch nur trist. Sainte-Marie-aux-Mines gehört da jedoch nicht dazu, zu den nur tristen Orten. Dort gibt es einiges zu entdecken. Wenn ich es richtig gelesen habe (momentan funktioniert der Link auf der Seite des Carrefour nicht richtig), dann haben die Amish und ein Besuch in den frühen 1990ern im Val d’Argent tatsächlich etwas mit dem Festival zu tun. Die Berichte auf Instagram zum Festival kenne ich leider nicht, aber es war schon beeindruckend. Schon allein die Masse und die Qualität der Quilts. Dabei waren wir nur in einem der vier Orte.
      Liebe Grüße heike

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